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Coronavirus: Das immer gleiche Muster der Ignoranz

Mit dem Coronavirus verbreitet sich nicht nur ein Erreger, sondern ein sich wiederholendes Muster, wie wir Menschen damit umgehen. Das Muster fomiert die Öffentlichkeit, politisches Handeln und legt Verdrängungsmechanismen im Umgang mit gesundheitlichen Herausforderungen offen.

Sars, Schweinegrippe oder jetzt eben der Coronavirus – mit zuverlässiger Regelmässigkeit erregen krankmachende Viren die hiesige Öffentlichkeit. Das spielt sich meist nach einem vergleichbaren Muster ab. Zunächst taucht eine Übertragung an einem für uns dunklen Ort dieser Welt auf – sei es in einem tropischen Regenwald (Ebola) oder auf einem unkontrollierbaren Fleischmarkt, auf welchem die lokale Bevölkerung uns nicht nachvollziehbare Konsumgewohnheiten befriedigen. Der Ort wird als Unort jenseits der Zivilisation beschrieben, schlicht weil er einfach nicht Teil unserer Wahrnehmung gewesen ist. Wuhan, wo die erste Übertragung von Tier auf Mensch stattgefunden hat, ist eine chinesische 11-Millionen-Stadt, die aufgrund ihrer Wirtschaftskraft für sich alleine unter den weltweit 50 grössten Volkswirtschaften liegen würde. (Quelle: Wikipedia)

Vom Fleischmarkt in Wuhan zur Apotheke an der Bahnhofstrasse

Was dort mit einer überschaubaren Anzahl von Fällen begonnen hat, wandert in der medialen Berichterstattung bei uns aus dem Ressort Vermischtes auf die Frontseite und führt innerhalb von rund zwei Wochen zu Hamsterkäufen von Schutzmasken in der Zürcher Bahnhofstrasse. Einmal mehr führt die mediale Ignoranz von den alltäglichen globalen Gesundheitsthemen zu Lifeberichterstattung vor einem Zürcherspital, weil dort zwei Personen liegen, welche sich unwohl fühlen.

Ein weiteres Element des Wahrnehmungsmusters im Umgang mit solchen Erregern lässt sich immer wieder festellen: Die Gefahr der schnellen Verbreitung erklären Expert*innen mit der Globalisierung, weshalb denn auch nur konsequent ist, dass der Flugverkehr in die betroffene Region eingeschränkt wird – eine aus gesundheitlicher Sicht durchaus positive Massnahme, allerdings eher aufgrund ihrer ökologischen Effekte. Das mit der Globalisierung mag zwar stimmen, doch interessanterweise werden dann die Fallzahlen in den Medien immer für die einzelnen Ländern ausgewiesen. Was dann zur Folge hat, dass wir in der Schweiz erleichtert aufatmen, dass wir den Virus noch nicht haben, im Gegensatz zu den Deutschen und den Franzosen. Und so fühlen wir uns geschützt innerhalb unserer Grenzen – als ob die irgendwas gegen das Virus ausrichten könnten.

Rückzug in die vermeintliche Sicherheit

Diese Dialektik in der Wahrnehmung, dass da eine globale Erkrankung um sich greiffe, dass wir aber innerhalb unserer Mauern sicher seien, ist wohl ein tiefverankertes Muster, das unter anderem auf die Kultur der mitteralterlichen Stadt zurückgeht. Wie auch immer: Sie formiert auch politisches Handeln: globale Gesundheit wird in der Konsequenz als ein nationales Sicherheitsproblem und nicht als eines der internationalen Solidarität abgehandelt. Immer wieder wurden im Zusammenhang mit Epidemien mehr Grenzschutz und Abschottung gefordert, auch wenn es gesundheitspolitischer Schwachsinn ist.

Das Muster im Umgang mit Viren wie dem Coronavirus zeigen aber vor allem auch eines: Die alltägliche Ignoranz im Umgang mit globalen Gesundheitsthemen. Die gesundheitlichen Herausforderungen liegen weltweit in ganz anderen Bereichen: Täglich sterben rund 800 Mütter aufgrund vermeidbarer Komplikationen bei der Geburt. In der Schweiz sterben jährlich 9500 Menschen an den Folgen des Tabakkonsums und alle zwei Wochen wird in der Schweiz ein Frau umgebracht.

Martin Leschhorn Strebel
Netzwerk Medicus Mundi Schweiz

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