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Editorial

Alma-Ata beschäftigt uns schon wieder...

Von Martina Staenke

„All for us – nothing without us“! Die Mitwirkung der betroffenen Menschen war eines der zentralen Prinzipien des Primary Health Care (PHC) Konzeptes wie es vor 40 Jahren an der legendären Konferenz von Alma-Ata 1978 verabschiedet wurde. Mehrmals wurde im Civil Society Meeting in Genf auf den Kern dieser Aussage verwiesen. Die GesundheitsaktivistInnen, die sich 40 Jahre später im Mai 2018 auf Einladung des Geneva Global Health Hub in den ehrwürdigen Hallen des World Council of Churches versammeln, lassen die Vision von Alma-Ata neu aufleben. Fast hat man das Gefühl, den damaligen Geist des Aufbruchs und der Solidarität noch einmal zu spüren, besonders als die Deklaration von Alma Ata erneut feierlich verlesen wird (Beitrag Schwarz).

Alma-Ata beschäftigt uns schon wieder...

Uganda - Regional Meeting on Sustainable Development in African Mountain Regions, (Atari Village). Photo: Mountain Partnership at FAO/flickr, CC BY-NC 2.0

 

Die Anwesenden sind sich einig, auch heute im 21. Jahrhundert funktioniert „Gesundheit für alle“ nur über den Weg der Demokratisierung von unten. Die Menschen, die Communities müssen selbst die Verantwortung für ihre Gesundheit übernehmen: Wir müssen auf die Stimme der Community hören, wollen wir wirklich Veränderung bewirken. Wir müssen an die Basis gehen und zuhören, anerkennen, lernen, stimulieren, stärken, ermächtigen – nur dann werden wir wirklich Veränderung bewirken, betonte auch Gisela Schneider, die Direktorin von difäm, in ihrer Rede. Als jüngstes Beispiel berichtete sie über ihre Erfahrungen im Zusammenhang mit der Ebola-Krise in Westafrika: „Alle anfänglichen Versuche, die Krise von aussen in den Griff zu bekommen, scheiterten. Erfolgreich wurden wir erst, als wir uns auf die Communities besannen und aktiv begannen, mit den Menschen zusammenzuarbeiten, Community health workers miteinbezogen und entsprechend ausbildeten.“

Ist Primary Health Care also noch immer ein Konzept für die Zukunft?

Dies war eine zentrale Frage am Workshop in Genf und in intensiven Debatten wurde immer wieder die Besonderheit der Deklaration von Alma-Ata betont: Das damalige Konzept beinhaltete weit mehr als nur eine billige Gesundheitsversorgung für arme Menschen in ländlichen Gebieten (Beitrag Schneider). Mit diesem Konzept schrieb die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstmals Weltgesundheitspolitik. Es war ein zutiefst politisches Konzept, mit der Forderung nach (nicht weniger, als nach) einer neuen Weltwirtschaftsordnung (Beitrag Sanders). Man war überzeugt: Nur durch den Abbau bestehender sozialer und ökonomischer Ungleichheiten und den Einbezug der Bedürfnisse der gesamten Bevölkerung in einen gesamtgesellschaftlichen Entwicklungsprozess kann Gesundheit als fundamentales Menschenrecht verwirklicht werden.

Nicht erst heute, 40 Jahre später wird sichtbar, dass das visionäre PHC-Konzept so gut wie fast nirgends umgesetzt wurde (Beitrag Wulf). Gesundheit für alle scheint in weite Ferne gerückt und die Kluft zwischen Arm und Reich hat ein neues Ausmass erreicht (Beitrag Sanders).

Makoko, Lagos. Photo: Heinrich-Böll-Stiftung/flickr, CC BY-SA 2.0

 

Zwar versuchte die WHO bereits vor zehn Jahren mit ihrem Weltgesundheitsbericht von 2008 „Primary Health Care - Now More than Ever“, an das Konzept von Alma-Ata anzuknüpfen, doch wichtige Aspekte liess man unter den Tisch fallen, wie die Akteure des People’s Health Movement im dritten „Global Health Watch“ (GHW 3) 2009 kritisierten. Während der Bericht der WHO-Kommission zu den sozialen Determinanten von Gesundheit („Commission on Social Determinants of Health 2008) eher den Kern der damaligen Forderungen trifft und den Zusammenhang zwischen einem unfairen globalen Wirtschaftssystem, welches die gesundheitliche Benachteiligung armer Menschen reproduziert, thematisiert (Beitrag Sanders), wird dies im WHO Bericht von 2008 vernachlässigt: „...there is no mention of the fundamental role of economic forces represented primarily by massive transnational corporations (...), nor of the international financial institutions (IFIs), or the global capitalist economic architecture exemplified by such organisations as the OECD, the G8 summits, or the World Economic Forum.“ (GHW 3, 50 Section B:1, 2009).

Auch Universal Health Coverage, das neue Konzept der WHO zur Umsetzung einer medizinischen Grundversorgung für alle, kann der Kritik der AktivistInnen in Genf nur schwer standhalten und einige vermuten darin eher eine Krankenversicherung, denn einen erfolgversprechenden Weg zu „Gesundheit für Alle“. Kritik hagelt es auch für die sog. „Astana Deklaration“, die die WHO rechtzeitig zum 40. Jubiläum von Alma-Ata, welches im Oktober 2018 in Astana begangen werden soll, aus dem Boden stampft. Das Papier reproduziert die Fehler von 2008 und verkennt erneut die Universalität der Erklärung von Alma-Ata. Die Zivilgesellschaft ist enttäuscht und fürchtet ein „neues schönes Papier zu Primary Health Care“, das nicht an die sozial-politische Dimension der ursprünglichen Version heranreicht und bald wieder in Vergessenheit geraten wird (Beitrag Schwarz).

Primary Health Care – Now More than Ever

Die erfreuliche Nachricht: Alma-Ata inspiriert noch immer! Nicht nur die AktivistInnen in Genf, die zum Abschluss ihrer Versammlung ein starkes Statement und ein klares Bekenntnis zu den Werten der Deklaration von Alma-Ata verabschiedet haben (Beitrag Schwarz), sondern auch die Zivilgesellschaft weltweit. Auch die Schweiz und mit ihr das Netzwerk Medicus Mundi (MMS)  nehmen das Jubiläumsjahr zum Anlass, um über die gemeinsamen Grundlagen der Gesundheitszuammenarbeit nachzudenken und auf dem Verständnis von Alma-Ata ein neues zukunftweisendes Manifest zu verabschieden. Für Martin Leschhorn, den Geschäftsführer des Netzwerkes MMS ist klar, wir müssen „ein neues Kapitel in der Gesundheitszusammenarbeit aufschlagen“ und die Agenda 2030 bietet dafür den neuen globalen Referenzrahmen (Beitrag Leschhorn).

Guinea - Rural Women's Cooperative Generates Income and Improves Community Life. Photo: UN Women/flickr, CC BY-NC-ND 2.0

 

Das PHC-Konzept bleibt auch im Zeitalter der Nachhaltigkeitsziele (SDGs) ein wichtiger Ansatz, um Gesundheit für alle bis 2030 zu erreichen, davon sind die AutorInnen unserer Bulletin-Ausgabe überzeugt: „Empowerment von unten ist wieder wichtig“ betont Thomas Gass vom Schweizerischen Roten Kreuz (SRK) und sieht darin ein „riesiges Potential“ gerade auch um der globalen Krankheitslast im Bereich der nichtübertragbaren Krankheiten Herr zu werden. Auch die Forderung nach Zusammenarbeit mit anderen Sektoren, immanent für die SDGs, waren bereits ein wichtiges Prinzip des PHC-Konzeptes und fielen beim SRK von Anfang an auf „fruchtbaren Boden“ bestätigt auch Vreni Wenger im gemeinsamen Interview (Beitrag SRK). Inwieweit auch die Entwicklung der Netzwerke Medicus Mundi Schweiz sowie Medicus Mundi International und gar die Gründung des schweizerischen Spitex, auf die Inspiration durch Alma-Ata zurückgehen, kann im Beitrag von Edgar Widmer, ehemaliger Präsident von MMI und MMS nachgelesen werden (Beitrag Widmer).  

Warum aber konnte das PHC-Konzept trotz anhaltender Begeisterung nicht umgesetzt werden? Was lief schief nach Alma-Ata? Damit stehen wir wieder am Anfang unserer Überlegungen: Neben einem historischen Rückblick und einer Analyse der Fehlentwicklungen bei der Umsetzung von PHC führen uns die Beiträge dieses Bulletins auch unmissverständlich vor Augen, dass neben einer engagierten Zivilgesellschaft vor allem politischer Wille und eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung ausschlaggebend sind, um den Zielen von Alma-Ata näher zu kommen.

Und wem der ganze Hype um Alma-Ata zu verklärt erscheint, möge sich die Deklaration noch einmal zu Gemüte führen, wie uns Thomas Schwarz in seinem Beitrag empfiehlt (Beitrag Schwarz).

Martina Staenke

Martina Staenke
Mitarbeiterin Kommunikation Medicus Mundi Schweiz.

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