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Durch das Virus droht das Burnout

Die schwierige psychosoziale Arbeit von Lifeline in Südafrika

Gemessen an der Einwohnerzahl, zählte Südafrika schon vor der Corona-Pandemie weltweit die meisten Opfer von sexueller und häuslicher Gewalt. Die strengen Lockdown-Massnahmen der letzten Monate haben die Ausbreitung des Virus zwar eindämmen können, jedoch die Zahl der Fälle von geschlechtsspezifischer Gewalt in die Höhe schnellen lassen. Ausgerechnet in einer Zeit, in der die ohnehin hohe Zahl der Gewaltopfer nochmals ansteigt, ist die Arbeit der HelferInnen massiv beeinträchtigt. Am Beispiel der Arbeit von Lifeline, südafrikanische Partnerorganisation von terre des hommes schweiz, zeigt sich, wie gross der psychische Druck und die konkreten Hindernisse für die Hilfesuchenden als auch Helfenden sind. Ein Bericht von Hafid Derbal und Tayson Mudarikiri, terre des hommes schweiz.

Durch das Virus droht das Burnout

Wichtige und öffentlichkeitswirksame Proteste wie hier 2018 sind heute nicht mehr möglich. Foto: © terre des hommes schweiz

 

In Südafrika leben heute knapp 58 Millionen Menschen. Knapp 30% sind unter 15 Jahre alt. Mit einem Human Development Index (HDI) von 0,666 (Position 119 von 188 Ländern) gehört Südafrika auf dem Papier zwar nicht zu den ärmsten Ländern. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Nach Lesotho ist Südafrika das Land, in dem das Vermögen weltweit am ungleichsten verteilt ist (World Bank 2014, Gini-Index 63,0). Die Provinz KwaZulu-Natal (KZN), wo Lifeline, eine Hilfsorganisation für Opfer von geschlechtsspezifischer Gewalt (Gender Based Violence, GBV), arbeitet, leben gut 12 Millionen Menschen.

Armut, unzureichende Bildung und Vulnerabilität drücken sich auch in der erschreckend hohen HIV-Prävalenz von 30.6%, wie auch in der sehr hohen Gewaltrate aus. Schätzungen zufolge wird in Südafrika alle 8 Minuten ein Mädchen oder eine Frau vergewaltigt. Neue Studien zeigen, dass 37% der Frauen in KZN bereits eine Form von GBV erfahren haben. Gewalttaten bleiben häufig unentdeckt. Die Opfer haben in der Regel nicht die Möglichkeit, dieses «Problem» offen in der Familie oder Partnerschaft anzusprechen. Sie sind häufig emotional und ökonomisch abhängig von den Tätern und haben Angst vor ihnen sowie vor möglichen Vergeltungstaten durch sie.

 

Die Zahl der GBV-Fälle steigt nochmals an

Südafrika wird vielfach als jenes Land in Afrika zitiert, das am schnellsten und entschiedensten auf die Ausbreitung der Sars-CoV-2-Pandemie reagiert hat. Obwohl der erste nachgewiesene Fall von Covid-19 in Südafrika zeitgleich wie in Grossbritannien auftrat und die Bevölkerung in beiden Ländern ähnlich gross ist, liegt die Zahl der Infizierten und Toten durch die neuartige Seuche in Südafrika deutlich unter jener im Vereinigten Königreich.

Der konsequente, vollumfängliche Lockdown in Südafrika hat einerseits schlimme Gesundheits-Szenarien bisher verhindern können. Andererseits hat die Coronakrise die ohnehin bereits angeschlagene Volkswirtschaft in Südafrika weitergehend geschwächt und die Arbeit der Hilfsorganisationen massiv eingedämmt. In einem Land, in dem gut die Hälfte der Bevölkerung im informellen Sektor arbeitet und somit von der Hand in den Mund lebt, bedeuteten Ausgangssperren den Ausfall von lebenswichtigen Einkünften.

Mit den Lockdown-Massnahmen sind nicht nur der finanzielle Druck und die Unsicherheit in vielen Haushalten gestiegen; sie haben generell zu mehr Frustration und Aggression geführt. In den letzten Monaten sind nachweislich mehr Fälle von GBV registriert worden, und zwar sowohl provinzweit in KZN als auch lokal, wie die Zahlen unserer Partnerorganisation Lifeline zeigen. Im Vergleich zum gleichen Zeitraum in vorigen Jahren, haben wir knapp 5% mehr Fälle von GBV registriert. Es ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegt, da es während des Lockdowns noch schwieriger geworden ist, Fälle von geschlechtsspezifischer Gewalt zu identifizieren oder zu melden.

Neben der Prävention von GBV, setzt sich Lifeline in Pietermaritzburg (KZN) für die medizinische, juristische und psychosoziale Begleitung von Gewaltopfern ein. Die Partnerorganisation von terre des hommes schweiz hat dazu in den letzten Jahren in vielen ländlichen Gemeinden ein Netz von Mitarbeitenden aufgebaut wie auch zentrale Empfangsstationen in Spitälern und auf Polizeiposten.

Die physische Nähe zu den Hilfesuchenden ist zentral: Denn sie hilft die Gewalttaten schneller zu identifizieren und kann so den Opfern und ihren Familien eine niederschwellige, zugängliche Anlaufstelle sein.

Die physische Nähe zu den Hilfesuchenden ist zentral: Denn sie hilft die Gewalttaten schneller zu identifizieren und kann so den Opfern und ihren Familien eine niederschwellige, zugängliche Anlaufstelle sein. Dies kann zum Beispiel verhindern helfen, dass ein Vergewaltigungsopfer mit dem HI-Virus angesteckt wird. Und bestenfalls kann Beweismaterial sichergestellt werden, damit die Täter zur Rechenschaft gezogen werden können.


MitarbeiterInnen von Lifeline helfen während der Coronakrise den Behörden Tests in den Gemeinden durchzuführen. Foto: © terre des hommes schweiz

 

Die Coronakrise erschwert eine gute Begleitung

Von zentraler Bedeutung sind auch die psychosoziale Begleitung und die Beratung der Gewaltopfer unter Einschluss ihrer Familien. Zu Letzteren: Nicht nur die Opfer müssen lernen, mit ihren traumatischen Erlebnissen umzugehen und Schritt für Schritt zurück in die «Normalität» zu finden; auch die Angehörigen müssen lernen, den Gewaltopfern eine gute Unterstützung im Alltag zu sein, wenn die Versehrten beispielweise unter starken Gefühlschwankungen oder Depressionen leiden.

Eine adäquate, lösungsorientierte Unterstützung und Begleitung der Gewaltopfer ist jedoch sehr schwierig während des Lockdowns: Zwar können Gewaltopfer unsere südafrikanische Partnerorganisation über eine Hotline erreichen; doch eine Vertrauensbasis kann über die telefonische Beratung nur zum Teil aufgebaut werden. Kommt hinzu, dass digitale Austauschmöglichkeiten, geschweige denn Videoanrufe in ländlichen Gebieten in der Regel technisch funktionieren. Auch hat der Alltagsdruck für die betroffenen Familien aufgrund von Corona massiv zugenommen, was zur Folge hat, dass Familienmitglieder, die eigentlich eine Stütze für die Gewaltopfer sein sollten, selbst am Anschlag sind.

Erschwerend kommt hinzu, dass das Lifeline-Personal in den Spitälern und auf den Polizeistationen bei Verdachtsfällen von GBV aufgrund von Quarantänemassnahmen immer wieder ausfällt.

Es braucht für die erste Hilfe nicht nur ein hohes Mass and Sensibilität, sondern auch eine fachliche Grundausbildung, um den Versehrten adäquat begegnen zu können und ihnen in ihrer Not zu helfen. Einen kurzfristigen, fachlich kompetenten Ersatz lässt sich in Corona-Zeiten unmöglich organisieren.

Es braucht für die erste Hilfe nicht nur ein hohes Mass and Sensibilität, sondern auch eine fachliche Grundausbildung, um den Versehrten adäquat begegnen zu können und ihnen in ihrer Not zu helfen. Einen kurzfristigen, fachlich kompetenten Ersatz lässt sich in Corona-Zeiten unmöglich organisieren.

Stammen der Täter und das Opfer aus demselben Haushalt, müssen neben dem Opfer auch die Kinder sowie die Geschwister und Mutter des Opfers in Sicherheit gebracht werden. Dies ist während der Krise nur unter erschwerten Bedingungen zu gewährleisten. Aufgrund der ausserordentlichen Hygiene- und Schutzmassnahmen sind Frauenhäuser gezwungen, weniger Hilfesuchende aufzunehmen. Zudem haben Hilfsorganisationen wie Lifeline grosse Probleme, um von A nach B zu kommen: Während des Lockdowns ist der öffentliche Verkehr praktisch zum Erliegen gekommen und die Anzahl erlaubter Personen pro Privatfahrzeug wurde auf drei Personen beschränkt. Zusätzliche private Transportmittel zu organisieren und entsprechende Fahrbewilligungen zu erhalten, bedeuten wiederum viel zusätzlichen Aufwand.

 
Eine wichtiger Schritt zur Heilung: Das Schweigen brechen. Foto: © terre des hommes schweiz

 

Hohe Arbeitsbelastung erhöht die Gefahr von Burnout und Retraumatisierung

In den letzten Monaten waren die Arbeitnehmer*innen und -geber*innen permanent gezwungen, ihre Arbeit zu reorganisieren und sich an die ständig wechselnden Lockdown-Massnahmen anzupassen. Auch der Ausfall von Personal, das sich in Quarantäne befindet, muss kompensiert werden und erfordert Anpassungen bei den Arbeitseinsatzplänen von Lifeline. Zusätzlich zur täglichen Arbeitsbelastung erreichen Lifeline auch Anfragen von den lokalen Behörden, um bei Covid-19-Tests und Essenverteilungen in den Gemeinden mitzuhelfen. Für solch spontane Hilfeleistungen ist unsere Partnerorganisation eine wichtige Stütze und auch ein Türöffner, weil sie das Vertrauen der Gemeinden geniessen. Diese extra Arbeit jedoch ist «freiwillig» und erhöht die ohnehin schon hohe Arbeitsbelastung durch weniger Personal.

Um das Ausmass dieser Überbelastung zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass die Personen, die im GBV-Bereich arbeiten, häufig selbst Gewalt erfahren haben.

Um das Ausmass dieser Überbelastung zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass die Personen, die im GBV-Bereich arbeiten, häufig selbst Gewalt erfahren haben. Ihr Weg aus der Opferrolle führte in vielen Fällen zur aktiven Hilfe für andere Gewaltopfer. Schon zu normalen Zeiten muss eine Organisation wie Lifeline diesem Umstand Rechnung tragen, um die Retraumatisierung von Personal bei ihrer Begleitung und Arbeit mit GBV-Opfern zu verhindern. In einem anhaltenden Ausnahmezustand wie jetzt, ist ihre psychische Vulnerabilität höher denn je.

Das Personal von Lifeline mag es vielleicht über Wochen und Monate schaffen, mit diesem permanenten Druck umzugehen. Doch ewig kann und vermag dies niemand. Gleichzeitig gilt: Burnouts und Retraumatisierungen durch die Hilfeleistenden dürfen nicht erst angegangen werden, wenn sie geschehen sind, sondern müssen im Sinne der Prävention verhindert werden. Dies gerät jedoch leider angesichts der umfassenden Krise, wie wir sie gerade erleben, aus dem Fokus.


Im Spital berät und begleitet eine Mitarbeiterin von Lifeline ein Vergewaltigungsopfer. Foto: © terre des hommes schweiz

 

Ein hohes Mass an Flexibilität erwartet

Der gesamte Sektor der Entwicklungszusammenarbeit hat sich seit Beginn der Pandemie als äusserst flexibel und unterstützend erwiesen. Das gilt für Geldgeber*innen und Hilfsorganisationen genauso wie für die lokalen Organisationen in den Projektländern. Doch wie lange über 2020 hinaus, darf man mit dieser Flexibilität rechnen?

Vor dem Hintergrund, dass zurzeit noch völlig offen ist, ob und wann ein wirkungsvoller Covid-19-Impfstoff entwickelt werden kann, wird die Frage nach dem langfristigen Umgang mit unseren Partnern immer zentraler. Von ihnen wird ein hohes Mass an Flexibilität erwartet. Diese Flexibilität geht jedoch für sie einher mit mehr Planungs- und Arbeitsaufwand – ohne, dass dabei der Impact ihrer Arbeit messbar steigt. Je länger sie in diesem Krisenmodus Projekte umsetzen müssen, desto besorgter sind wir und desto grösser wird das Risiko für Burnouts beim Personal unserer Partnerorganisation.

Wir appellieren an die Flexibilität der Geldgeber*innen und Hilfsorganisationen in der Schweiz, ihre Unterstützung aufrechtzuerhalten, zumindest solange die Corona-Pandemie und ihre Folgen das Arbeiten in planbaren Strukturen unmöglich macht. Im besten Fall bis 2021, aber wer weiss das schon?

Referenzen

 

Hafid Derbal, Programmkoordinator für Simbabwe und Südafrika, terre des hommes schweiz.



Tayson Mudarikiri,
Nationalkoordinator für Simbabwe und Südafrika, terre des hommes schweiz.

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