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Gesundheitszusammenarbeit jenseits von Hilfe

Gewinnerbeitrag des MMI Essay-Wettbewerbs "Health cooperation beyond aid - Pathways for change"

Das Recht auf Gesundheit zu erreichen, setzt einen radikalen Wandel voraus. Einen Wandel in der Politik, die die schlechte Gesundheitslage verursacht, einen Wandel in der globalen Verteilung von Macht und Ressourcen und einen Wandel innerhalb der Bewegung für das Recht auf Gesundheit selbst, schreibt Natalie Sharples von Health Poverty Action.

Gesundheitszusammenarbeit jenseits von Hilfe

Stephen O’Brien, UN-Untergeneralsekretär für humanitäre Angelegenheiten besucht ein Flüchtlingslager in der Zentralafrikanischen Republik im August 2016. Photo: © Nektarios Markogiannis/MINUSCA. IRIN Photo

 
Bei Health Poverty Action gibt es vieles, worauf wir stolz sind. Wir schaffen keine Parallelsysteme. Wir arbeiten eng mit den lokalen Behörden, den örtlichen Gesundheitskomitees und nationalen Regierungen zusammen, um effiziente Gesundheitssysteme aufzubauen, die jenen angepasst und zugänglich sind, die sie brauchen. Wir achten darauf, Machtungleichgewichte von der lokalen bis zur globalen Ebene infrage zu stellen. Und wir packen die Ursachen von Armut an, ohne vorzugeben, dass Hilfe und Wohlfahrt die Lösung wären.

Daneben engagieren wir uns in vielen anderen Bereichen, die jedoch permanente Anstrengungen und Hinterfragung nötig machen. Angefangen beim Aufbau von Solidarität zwischen den Menschen im Globalen Norden und im Globalen Süden. Im Hilfs- und Wohltätigkeitsnarrativ werden die BewohnerInnen des Globalen Nordens als grosszügige Retter des Südens dargestellt. Das hat dazu beigetragen, Machtungleichgewichte zu zementieren, hat den Programmen rechter Kreise, die gegenüber Hilfe skeptisch sind, Auftrieb gegeben und die Solidarität untergraben. In dieser Zeit sich verschärfender Ungleichheiten ist jenes Narrativ auch belanglos. Angesichts der Unterfinanzierung und der zunehmenden Privatisierung des Nationalen Gesundheitsdiensts in Grossbritannien wäre es inkonsequent, vom Bedarf an stabilen Gesundheitssystemen im Süden zu sprechen, ohne auf den vor unseren Augen stattfindenden Niedergang einzugehen. Durch die Gleichsetzung von Gesundheitszusammenarbeit mit Hilfe sind wir in die typische neoliberale Falle des „teile und herrsche“ getappt – wie die zunehmende Feindseligkeit gegenüber Hilfe zeigt.  Die Skepsis der Öffentlichkeit wird sich durch Erfolgsgeschichten von Hilfsprojekten nicht überwinden lassen. Wir müssen aufhören, die BewohnerInnen des Nordens gegen jene des Südens auszuspielen, und die Menschen, wo immer sie leben, über die Ursachen der uns alle betreffenden schlechten Gesundheitslage ansprechen. Für Organisationen, deren Aufgaben und Mittel darauf ausgerichtet sind, in Ländern des Südens tätig zu sein, ist das natürlich leichter gesagt als getan. Durch Partnerschaft und Mitarbeit in Kampagnen von Organisationen, die in den Ländern des Nordens selbst aktiv sind, und den Versuch, Gelder für die Arbeit im Globalen Norden zu beschaffen, haben wir erste Schritte in diese Richtung unternommen.

Umverteilung von Wohlstand

Um aus dem Rahmen der Wohltätigkeit auszubrechen, müssen wir die Ursachen der schlechten Gesundheitslage anschauen, anstatt uns den Kopf zu zerbrechen, wie Hilfsgelder besser eingesetzt werden können. Wir wissen, dass der Zugang zur Gesundheit für alle nicht durch Hilfe erreicht werden wird. Gesundheitssysteme bedingen die Umverteilung von Wohlstand, sei es durch solide nationale Steuersysteme oder die Rückgabe der Mittel, die die Reichen gestohlen haben. Ob die Mittel nun über Steuerumgehung, Steuernachlässe für Grossunternehmen, den Kampf gegen Drogen oder die Folgen des Klimawandels von den BürgerInnen zu den globalen Eliten und Konzernen umgelenkt werden, wir müssen die Macht zurückverlagern. Das bedeutet, mit Steuerparadiesen aufzuräumen, illegitime Schulden aufzuheben, Handelsabkommen abzuschliessen, die gesundheitsfördernd sind, statt die Gesundheit zu untergraben, und statt der verfehlten Drogenbekämpfung eine Drogenpolitik zu verfolgen, die die Gesundheit und den Lebensunterhalt unterstützen. Es bedeutet, diese zusätzlichen Mittel zu nehmen und sie in die Gesundheitsversorgung und in öffentliche Dienstleistungen für alle umzuleiten.

Entwickeln einer radikalen Vision der Welt statt „inspirierende“ Bilder von armen Menschen, fordert Natalie Sharples. Photo: © WHO/A. Zouiten

 
Wenn wir von Hilfe reden, müssen wir diese als eine von mehreren Formen der Reichtumsumverteilung neu definieren, die innerhalb wie zwischen Ländern nötig ist. Wir können damit anfangen, Klartext zu sprechen.

Es geht nicht um „Gesundheitszusammenarbeit“, sondern um Gerechtigkeit. Und es geht nicht um Hilfe, sondern allenfalls um Entschädigung.

Solange wir weiter die Auffassung von Hilfe als Wohltätigkeit aufrechterhalten, können wir keinen radikalen Wandel bewirken. Wiedergutmachung, Entschädigung, globale Solidarität, symbolische Geste oder Umverteilung: Für welchen Begriff wir uns auch immer entscheiden sollten, wir müssen uns dringend festlegen und diese Auffassung dann kontinuierlich wiederholen.

Eine symbolische Geste reicht nicht aus

Wir müssen auch mehr tun, um unsere programmatische Arbeit an die strukturellen Gesundheitsfaktoren zu koppeln. Diejenigen unter uns, die mit den Betroffenen des Neoliberalismus zusammenarbeiten, müssen die Dinge beim Namen nennen. Jedes Mal, wenn wir erwähnen, dass wir Leistungen erbringen, müssen wir auch das politische und wirtschaftliche Klima ansprechen, das diesen Bedarf schafft. Das ist durch politische Empfindlichkeiten in vielen Ländern oft schwierig oder verunmöglicht, doch je mehr wir versuchen, diesen Bezug herzustellen, desto besser können wir beeinflussen, was unter Gesundheitszusammenarbeit zu verstehen ist, und unsere praktische Arbeit in ein umfassenderes Narrativ des Wandels stellen.

Ebenso können wir mehr dafür tun, dass sich positive Einstellungen entwickeln. Unser Sektor ist tendenziell wirklich gut in der Benennung von Problemen, aber weniger gut, wenn es darum geht, inspirierende Lösungen festzulegen. Wir tragen dazu bei, dass sich die Menschen überfordert fühlen und nicht an die Möglichkeit eines Wandels glauben. Mit positiven Einstellungen meine ich nicht irreführende Behauptungen über die Wirksamkeit von Hilfe oder „inspirierende“ Bilder von armen Menschen, die hart arbeiten.

Ich meine damit, eine klare, mutige, radikale Vision davon zu vermitteln, wie die Welt in unseren Augen aussehen soll, mit positiven alternativen Ansätzen für einen Wandel.

Dafür können eine Fülle an Beispielen herangezogen werden. Etwa das Gesundheitssystem in Kuba, die Zurückweisung des Neoliberalismus und damit einhergehend die Armutsreduktion in Ecuador oder die Qualität der öffentlichen Dienste in den nordischen Ländern. Wir müssen aufhören, die Menschen zu vergrämen, und anfangen, ihnen Hoffnung zu bieten.

Nicht zuletzt müssen wir das Problem unserer Privilegien anpacken. Wir können globale Machtdynamiken nicht verändern, wenn wir sie in unseren eigenen Organisationen gleichzeitig reproduzieren. Zumindest in Grossbritannien wird der Sektor sichtbar vom hoch gebildeten weissen Mittelstand dominiert. Das führt dazu, dass Gruppen von Privilegierten Lösungen für etwas postulieren, das sie selbst nie erlebt haben. Wir müssen Befreiung ins Zentrum unserer Tätigkeit stellen. Das erfordert, dass wir unsere Komfortzone wirklich verlassen und unsere eigenen Wahrnehmungen und Praktiken hinterfragen. Organisationsstrukturen und die Bezahlung werfen Fragen auf, die noch unbeantwortet sind. Müssen wir die Gehälter an die ähnlicher Organisationen angleichen, damit wir das beste Personal bekommen, oder sind wir der Meinung, dass komfortable Löhne für die Leitung von INGOs im Norden uns zu weit von den Menschen entfernen, mit denen wir arbeiten? Sollten wir gleiche Löhne oder Leitungsstrukturen in Erwägung ziehen oder unsere Gehälter anpassen, damit sie geerbten Wohlstand oder Betreuungsaufgaben mitberücksichtigen? Sollten wir, wenn wir an die Umverteilung des Wohlstands glauben, mehr dafür tun, das auch zu leben?

Einfache Antworten gibt es nicht. Angesichts der vielen Widersprüche in diesem Arbeitsbereich würde wohl etwas falsch laufen, wenn wir uns behaglich fühlten. Alles, was wir tun können, ist, das Unbehagen wahrzunehmen, uns weiter zu hinterfragen und äussere Hinterfragungen aufzugreifen. Teju Cole sagte einmal: Wenn wir in das Leben anderer eingreifen, ist ein wenig „Sorgfaltspflicht“ eine Mindestanforderung.

Der Beitrag gewann den MMI Essay-Wettbewerb "Health cooperation beyond aid - Pathways for change": The winner and the reader


Natalie Sharples

Natalie Sharples, Health Poverty Action
Natalie ist Leiterin Politik und Kampagnen, leitet das Reframing von Entwicklung und Alternativen zu neoliberalen Entwicklungsmodellen und betreut Kampagnen sowie die politische Arbeit zu Gesundheitssystemen, zum Krieg gegen Drogen und zum Handel.